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Freitag, 20. Mai 2022

Deutsche Journalisten finden Beweise für Zensur auf TikTok

Der Social-Media-Dienst TikTok ist gerade bei der jungen Generation beliebt. Dabei ist die chinesische Social-Media-Plattform alles andere als ein harmloses Videoportal. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass Politik und Ideologie bei TikTok eine deutlich größere Rolle spielen, als es die meisten Nutzer auch nur erahnen.

Schon mehrfach wurde der Plattform die Zensur von Inhalten vorgeworfen. Wirklich wasserdicht nachweisen ließ sich dies bisher jedoch nicht. Nun haben deutsche Journalisten aber genau dafür Belege gefunden und einen Wortfilter unliebsamer Begriffe identifiziert.

Recherche-Team identifiziert Wortfilter in Deutschland

Verschwundene oder nicht veröffentlichte Kommentare häufen sich bei TikTok, wenn es um spezielle Themen geht. Um der möglichen Zensur von Inhalten seitens TikTok auf die Spur zu kommen, unternahmen Journalisten der „Tagesschau“ eine umfassende Recherche. Ausgangspunkt für die Recherchearbeit war die Feststellung, das bestimmte Kommentare des TikTok-Teams der Redaktion für andere User nicht sichtbar waren.

Das betraf unter anderem Beiträge mit dem Namen der verschwundenen chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai. Im Rahmen der Aktion testeten die Journalisten in ihren Kommentaren 100 Wörter und Wortkombinationen. Ganze 19 Worte und Wortkombinationen filterte der TikTok-Algorithmus dabei tatsächlich heraus und unterdrückte die Beiträge.

Auswahl der Begriffe wirft Fragen auf

Mit einem Verweis auf den Jugendschutz ist es vielleicht noch zu erklären, dass Begriffe wie „Sex“, „Porno“ oder „Prostitution“ geblockt werden. Getestet wurden auch zahlreiche Begriffe, die auch in den sozialen Medien Chinas blockiert sind. Während der Überprüfung stellte sich heraus, dass der TikTok-Wortfilter insbesondere auf Begriffe aus den Bereichen des Nationalsozialismus sowie der LGBTQ-Community abzielt und die entsprechenden Beiträge zurückhält.

Neben den identifizierten Begriffen, die in jedem Fall durch den Wortfilter geblockt werden, dürften es auch noch zahlreiche weitere Begrifflichkeiten aus themenverwandten Gebieten sein. Die folgenden 19 Begriffe werden laut den Recherche-Ergebnissen auch im liberalen Deutschland bei TikTok geblockt:

  • Auschwitz
  • gay
  • Heterosexuelle
  • homo
  • homophob
  • homosexuell
  • LGBTQ
  • LGBTQI
  • Nationalsozialismus
  • Peng Shuai
  • Porno
  • Pornografie
  • Prostitution
  • queer
  • schwul
  • Sex
  • Sexarbeit
  • Sklaven
  • Terroristen

TikTok gibt Wortfilter zu – Intention macht nachdenklich

Konfrontiert mit einer Anfrage von Tagesschau, NDR und WDR gab TikTok die Verwendung von Wortfiltern auch in Deutschland zu. „Wir haben Mechanismen eingerichtet, um potenziell schädliche Kommentare automatisiert herauszufiltern. […] Wir sind uns darüber im Klaren, dass dieses Vorgehen in diesem Fall nicht zielgerichtet war, und wir arbeiten mit Hochdruck daran, unser Vorgehen zu überarbeiten“, so einen Sprecherin des Unternehmens.

Vor dem Hintergrund dieser Aussage bleibt nicht nur die eigentliche Auswahl der Begriffe ein Rätsel mit fadem Beigeschmack. Warum TikTok hierzulande etwa Begriffe aus dem LGBTQ-Umfeld blockt, ist fraglich. Immerhin hat sich das Unternehmen zuletzt als besonders divers präsentiert und laut eigenen Angaben sogar die LGBTQ-Community finanziell gefördert. Gleiches trifft auf den Themenkomplex Nationalsozialismus zu, wo man erst kürzlich die Zusammenarbeit mit diversen Gedenkprojekten betonte.

Fadenscheinige Erklärungen gab es auch schon vorher

Eine besonders kreative Erklärung lieferte TikTok für die Blockierung des Namens der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai. Demnach handele es sich um einen technischen Fehler. Der Algorithmus habe die Buchstabenfolge „H-U-A“ in Peng Shuai für das österreichisch-deutsche Slang-Schimpfwort „Hua“ – also Hure – gehalten.

In Anbetracht der Tatsache, dass diese Buchstabenfolge häufiger vorkommt, sind Zweifel an der offiziellen Lesart berechtigt. Eine ähnliche Erklärung lieferte das Unternehmen im Übrigen bereits im Februar, als Worte wie „Umerziehungslager“ und „Arbeitslager“ in Untertiteln zu Videos zensiert worden waren.

Ein Eingriff in die Meinungsfreiheit

Inhalte, die ohne Hinweis zensiert, unterdrückt oder unkenntlich gemacht werden, fallen dem sogenannten Shadow-Banning zum Opfer. Die Tatsache, dass ein chinesisches Unternehmen hinter der Plattform steckt und China damit auch in Deutschland die Fäden zieht, legt den Schluss der Beteiligung Chinas an der Zensur nahe.

„Grundsätzlich ist es so, dass nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen dafür verantwortlich sind, Menschenrechte zu achten. […] Das Moderieren von bestimmten Schlagwörtern ohne klare Regeln erscheint willkürlich. Es ist hochproblematisch, dass man als Nutzer:in nicht versteht, was die eigentlichen Regeln sind“, sagte Frederike Kaltheuner, Expertin für neue Technologien und Menschenrechte bei der Organisation Human Rights Watch.

Unter dem Strich handelt es sich bei der praktischen Zensur nicht bloß um mangelnde Transparenz, sondern um einen Angriff auf die Meinungsfreiheit. Ein solcher ist gerade in einem liberalen Land wie Deutschland nicht zu akzeptieren. Speziell, wenn es im Fall von TikTok um das meinungsbildnerische Umfeld von Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht.

TikTok will „gründliche Überprüfung“ starten

Wie eine Sprecherin des TikTok-Konzerns ankündigte, möchte man als Reaktion auf die Recherche eine „gründliche Überprüfung“ vornehmen, um solche „Fehler“ zu korrigieren und zu vermeiden, dass es in Zukunft zu ähnlichen „Fehlern“ kommt.

Darüber hinaus wolle man die Mechanismen der Plattform überdenken, um „Hasskommentare“ von neutralen Kommentaren und Gegenrede zu entsprechenden Kommentaren besser voneinander trennen zu können. Inwieweit dies stichhaltig ist, steht ebenso in den Sternen wie die Frage danach, ob die Zensur harmloser Begriffe als nicht-intentionaler „Fehler“ anzusehen ist.

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