Versicherer entdecken Flugverspätungen für sich

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Bild:pixabay.com / Free-Photos

Der Flugverkehr ist eine der Wachstumsbranchen auf der Welt. Vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern aber auch in den Industrienationen nimmt der Flugverkehr weiterhin deutlich zu. Die Folgen bekommen Flugpassagiere immer häufiger in Form von Verspätungen zu spüren. Immerhin macht die Kombination aus nicht steuerbaren Wettereinflüssen, logistischen Hürden und komplexer Technologie den globalen Flugverkehr zu einer echten Herausforderung. Wenig verwunderlich, dass Versicherungen Verspätungen nun zunehmend als Geschäftsmodell entdecken.

Anzahl der deutlichen Verspätungen könnte um 700 Prozent steigen

Statistisch ist bereits jetzt jeder 20. Flug in Europa um mindestens 60 Minuten verspätet. Davon gehen rund 55 Prozent aller Fälle auf das Konto von höherer Gewalt. Geht es nach Flugexperten, könnte die Anzahl der Verspätungen, die mehr als zwei Stunden betragen, bis ins Jahr 2040 um bis zu 700 Prozent steigen. Das Pikante: Laut EU-Recht haben Passagiere ab einer Verspätung von mindestens drei Stunden das Anrecht auf eine Entschädigung.

Das Problem ist aber bereits jetzt, dass sich die Fluglinien gegen die Auszahlung der berechtigten Entschädigungen sträuben und die Abwicklung viel Zeit in Anspruch nimmt. Versicherungen wie die AXA und die HanseMerkur-Tochter Berlin Direkt wollen nun in den Markt einsteigen, der aktuell von zahlreichen teils zweifelhaften Playern geprägt ist.

Versicherungsprämie orientiert sich am Ausfallrisiko

Um die Abwicklung für Passagiere zu beschleunigen, treten Passagiere ihre Rechte an Berlin Direkt ab. Die Versicherung will im Gegenzug die EU-Entschädigung garantiert an Fluggäste auszahlen und treibt die Kosten anschließend von der Airline ein. Interessant: Das Versicherungsunternehmen möchte Fluggästen unabhängig vom Verspätungsgrund bereits ab einer Verspätung von 60 Minuten eine Pauschale von 100 Euro zahlen. Die Höhe der Versicherungsprämie pro Flug errechnet sich aus dem Ausfallrisiko.

Dazu wird neben der historischen Statistik auf einer bestimmten Linie auch eine meteorologische Datenbank herangezogen. Berlin Direkt etwa bezieht sich auf die Daten des Rückversicherers Swiss Re. Je höher also das Risiko für eine Verspätung, desto teurer die Konditionen. Es ist also durchaus möglich, dass die Versicherungsprämie für einen 200-Euro-Flug schon einmal 25-30 Euro beträgt. Ist das Risiko für eine lange Verspätung dagegen zu groß, kann ein Flug gar nicht erst versichert werden.

Nutzen der Versicherung ist fraglich

Anbieter wie Berlin Direkt und AXA setzen bei der Abwicklung auf Softwareunterstützung. Bei AXA etwa gleicht das mit einer Ethereum-Blockchain verbundene System Daten zur Pünktlichkeit von Flügen ab. Fluggäste sollen somit bereits nach der Landung eines verspäteten Fluges automatisch eine Kompensationszahlung erhalten.

In Anbetracht der möglichen Kosten müssen Fluggäste abwägen, wie groß der Schaden durch eine mögliche Verspätung tatsächlich ist. Besteht das Risiko, einen Anschlussflug in den Urlaub oder einen Geschäftstermin zu verpassen, kann eine solche Versicherung sehr sinnvoll sein. Geht es dagegen nur um einen Zeitverlust ohne größere Folgen, macht die Versicherung weniger Sinn.

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